Juses Kolumne Nr. 31 – Völlig uncool

19Mrz07

Ich weiß ihr denkt alle ich wäre total cool. Aber ich werde in dieser Kolumne völlig uncool sein. Wenn ihr also Uncoolness nicht mögt, dann schaltet besser jetzt weg, denn jetzt wird’s uncool. Es gibt nämlich eine Sache, die man heute auf keinen Fall mehr tun darf – abgesehen von Phil Collins hören – und das ist Stellung beziehen. Mein Vater hingegen liebt es Stellung zu beziehen. Er sagt Unternehmensberater seien die neue SS, Stoiber werde zur Hölle fahren und Prince sei so eine Art Michael Jackson auf Rädern. Vielleicht habe ich mich ein wenig von ihm inspirieren lassen.

Einmal hörte ich laut dröhnend Bass Sultan Hengzt – neben Tokio Hotel mein Lieblingsrapper – in der Küche meiner Eltern. Mein Vater kam rein, hörte eine wenig zu, und fragte mich dann wie eine Gesellschaft funktionieren solle, die auf den Idealen solcher Menschen aufgebaut sei, und vor allem, wie besagter Herr Hengzt sich das vorstelle. Ich erklärte meinem Vater kurz, dass Bass Sultan Hengzt keinerlei Interesse dran hat die Gesellschaft gerade zu rücken und allgemein wohl eher auf Kartoffeln wie uns scheißt. Und doch hatte mein Vater da einen Punkt.

In den 60er Jahren war es total angesagt politisch aufgeladene Musik zu machen, die die Welt entweder zu einem Drogenhain oder einem besseren Ort – wobei das eine das andere nicht ausschließt – machen sollte. Heute weiß man, die Menschen in den 60ern hatten Illusionen aber keine Ahnung, daher hat man den Relativismus erfunden, und wenn politisch, dann doch bitte politisch unkorrekt (siehe hierzu auch meine letzte Kolumne). Wir aufgeklärten Menschen trauen uns ja schon gar nicht mehr ein wenig zu polarisieren. Ich jedenfalls leide unter meiner eigenen Das-kann-man-so-nicht-sagen Mentalität, kann sie aber aus Vernunftgründen selten abschalten. Und ja, vieles kann man auch so nicht mehr sagen wie das die SPD in den 70er Jahren noch gemacht hat. Die alte Linke ist tatsächlich überholt. Nur bleibt die Frage offen ob wir deshalb das Recht haben uns aus der ganzen Scheiße raus zu halten. Wofür werden wir denn bezahlt, zum Donnerwetter?

Aber wer jetzt denkt, ich hätte es auf die Herren Hengzt, Fler und Bushido abgesehen, der irrt gewaltig. Diese Jungs sind bzw. waren lediglich das Unwort des Jahres 2006: Das Prekariat. Wie man weiß, leitet sich dieses Wort von der prekären Lage ab, in der die so bezeichneten Menschen stecken. Jetzt hat ganz Deutschland nichts besseres zu tun als diesen armen Hunden zu erzählen, dass sie sowieso schon in der Scheiße stecken, keine Chance auf einen Beruf haben und sich am besten gleich die Kugel geben könnten. Zu allem Überfluss berichten Rapper obendrein auch noch, dass HipHop Musik ein großartiger Weg aus dem Dreck sei. Was für ein Unsinn! Fragt sich eigentlich jemand auch noch mal warum die beiden 17 jährigen in Mecklenburg Vorpommern dieses Ehepaar mit Küchenmessern niedergestreckt haben. Sag einem Menschen, du bist nichts, du hast nichts und du wirst nichts sein, und er hat nichts zu verlieren. Deutschland verfügt schlicht und ergreifend nicht über so etwas wie soziale Durchlässigkeit, und wenn man das nur genug kommuniziert, wird es immer viel Bedarf geben an Rappern wie Fler, die ihre Not nicht zwingend zur Tugend, aber zu Zunder in ihren Texten machen. Aber man liegt ja völlig Falsch wenn man denkt, diese ganzen Ideen, Probleme und Inhalte wären eine Sache der Unterschicht. Nein, ein großer Teil der Mittelschicht zieht gleich mit, weil sie sich ebenfalls über den Tisch gezogen fühlt, und so können wir bereitwillig dabei zusehen, wie neokonservative Slogans die Herzen junger Menschen erobern und dabei das Problem einer Gesellschaft übersehen, die über nationalstaatliche Grenzen nicht hinaus denken kann. Die beiden 17 jährigen waren übrigens deutsche Gymnasiasten.

Sicherlich saß Rap wieder einmal in meinem Hinterkopf während ich das hier geschrieben habe, und teilweise will ich auch darauf hinaus. Wenn ich sehe, dass bei Myspace ein junger Mann in Massivs Gästebuch einen durchgestrichenen Davidstern mit der Überschrift “kill all jews” reinstellen kann, und sich niemand beschwert, fühle ich mich unweigerlich an Max Frischs Biedermann und die Brandstifter erinnert. Geht mal ins Theater ihr Kulturbanausen.

Juse Ju



Eine Antwort auf „Juses Kolumne Nr. 31 – Völlig uncool“

  1. 1 form

    Und ein “Inschallah werden alle Juden vergast” mit durchgestrichenem Davidstern gab es auch noch. Mögen sie eines Tages bereuen, was sie da gemacht haben.


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