Juses Kolumne Nr. 27 – Gangsterrap
Morgens 19:30 auf der Leopoldstraße in München-Schwabing. Ich sitze beim Inder, esse irgendwas das Pahir heißt, was wohl auf Indisch sowas wie Reis mit Spinat und geschmacklosem Käse bedeutet, und führe mir die neuste Juice zu Gemüte. Bis dahin also eine alltägliche Szene. Die alltägliche HipHop Szene hatte sich zu diesem Zeitpunkt im Raumzeitkontinuum bereits wieder verschoben.
Die Juliausgabe der JuiceCD sportete nämlich unter anderem einen Song namens “Der Angriff”, auf dem die Herren Irie D und Ufuk Sahin den Herren Hengst, Azad, Bushido und anderen üblichen Verdächtigen damit drohen ihnen die Tattoos unsanft aus dem Leibe zu reißen. An sich auch nicht ungewöhnlich, aber waren sich nicht Bassboxxx und Aggro gerade einig geworden, dass sie alle samt gefährliche Zeitgenossen sind, und deshalb nicht mehr streiten müssen? Hatte nicht die gesamte HipHop Szene Azad gerade echte Härte zugestanden, weil er Sido eins in die Maske geballert hatte? Und fanden Bushido und Eko nicht gerade im Gheddo den gemeinsamen Nenner etwa 50% der deutschen Bevölkerung? Friede, Freude, Eierkuchen also, und jetzt das! In voller Konsequenz ihres Gangsterdaseins, dürften all diese Acts eine solche Infragestellung ihrer selbst eigentlich nicht dulden. Im beiliegenden Interview hatte besagter Ufuk Sahin allerdings klargestellt, dass er auf jegliche Art von Reaktion seitens der Angegriffenen mit blanken, gewalttätigen und selbstverständlich höchst illegalem Aktionismus antworten würde. Was tun also? Es darauf ankommen lassen? Ich würde sagen wir gehen in Sachen HipHop einen weiteren Schritt in Richtung Rapmärtyertum alla Tupac Shakur, und vergessen dabei einen kleinen, unwichtigen Aspekt: Bezeichnen nicht manche Menschen Rap Absurderweise als Musik, oder sogar Lyrik und Kunst. Das scheint hier wohl keine Rolle zu spielen, denn dass die Herren Sido, Bushido, Savas oder Azad in diesen Dingen den Angreiffern um Jahre voraus sind wird gar nicht erst thematisiert.
Thematisiert hingegen wurde, dass es sich bei diesem Song keineswegs um einen Promostunt handele, sondern lediglich die Meinung der Straße wiederspiegele. Ist diese Argumentation nicht der derer sehr ähnlich, die der Song angreift, als diese sich seiner Zeit durch etliche Disses gegen Hamburger, Stuttgarter und Münchner Rapgrößen ins Gespräch brachten. Weiterhin nehmen sich die Labels Aggro und Shok nichts in der Legitimation ihrer lyrischen Sex- und Gewaltergüsse. Man wolle Gewalt und Sexismus keineswegs glorifizieren, man berichte lediglich über die Umstände in sozial schwachen Gegenden, und dazu hätte man das Recht und die Pflicht. Tut mir leid meine Herren, aber wenn in diesem Falle keine Gewaltverherrlichung vorliegt, und die in den Songs beschriebenen Situationen einer Nachrichtensendung gleichkommen, dann gehört Sin City in die Sesamstraße. Eine lächerlichere und selbstgerechtere Argumentationsweise, dafür sein Geschäft zu schützen habe ich noch nicht vernommen. Der gesellschaftsdeformierende Moment in Aggros Veröffentlichungen ist doch ihr Stolz und ihre Stärke, und wurde von Spekter selbst schon als Rebellion ausgewiesen. Man propagiert Gewalt als Lösungsansatz nur um im gleichen Atemzug, dass man ja schließlich nichts dafür könne. Nebenbei ist mir aufgefallen, dass in Partysongs immer häufiger erwähnt wird, dass Männer im Club gefälligst nicht zu tanzen haben, da das schwul ist. Narren, welche gegen diese Faustregel verstoßen, werden in der Regel mit einer Faust bedacht. Das ist vernünftig, Emanzipationsort Tanzfläche, oder doch das Gegenteil?
Aber was stellt das alles in Frage? Nun, die Glaubwürdigkeit sämtlicher genannter Protagonisten., was wiederum jeglichen Realnessdiskurs hinfällig macht. Da müssen wir wohl oder übel zur Musik zurück, und ob sie es glauben oder nicht die gefällt mir bisweilen gut bis sehr gut. Ich glaube übrigens, dass Elektrorap Junkies wie Deichkind sich selten mit der Frage nach Kredibilität ihrer Aussagen befassen. Muss ja auch nicht immer sein.
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