Juses Kolumne Nr. 26 – Semiotik des Raps
Verdammte Scheiße! Wieso dauert der Winter in diesem Land 10 Monate um dann ohne Vorwarnung in einen Tropensommer umzuschlagen? Aber lassen sie uns nicht übers Wetter reden, das tun nur Omas und Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben aber nicht auf den Sex verzichten wollen. Lassen sie uns lieber mal wieder über Rap sprechen, das hat diese Rubrik bei all den Frauen- und Neon (also auch Frauen) Geschichten schließlich schon lange nicht mehr gesehen.
Da ich in letzter Zeit grundlos dem Wissenschaftswahn verfallen bin und in meinem BWL Kurs regelmäßig Menschen zu Zahlen mache um sie später wegzurationalisieren, will ich hier und heute mal wieder eine rein kunstästhetische Analyse des Sprechgesangs vollführen. Auf meinen zahlreichen Reisen durch Rapdeutschland begegnen mir immer wieder Menschen, die Rapmusik aus einer völlig anderen Perspektive als ich, und somit total falsch betrachten. Aber den Konflikten zwischen Rashid und Thomas kann Verbeuge geleistet werden, da es nur eine Frage der Bewertung ist. Oft wird erfolgreichen Rappern unterstellt “alter der kann nicht rappen”. Eine Einschätzung die außer im Falle von Rapsoul, welche schlicht den Takt nicht treffen, völlig unaussagekräftig ist. Um das Problem zu erläutern nehme ich Bezug auf ein Buch, das außer mir niemand der diese Kolumne liest, gelesen hat: Die Semiotik des Theaters von Erika Fischer-Lichte (die Tina Turner der Theaterwissenschaft), welches sich mit den 13 Zeichensystemen des Theaters beschäftigt. Ok, überspringen wir das Buch. Rap hingegen habe ich, ohne die eine Bezugnahme auf Beats, Instrumentale oder wie man das Gedudel auch nennen will, auf sechs konstituierende Zeichensysteme heruntergerechnet.
1. Die Stimme: Gemeint ist das Organ, d.h. Frequenzen und Volumen. Der Einsatz der Stimme zählt nicht dazu.
2. Paralinguistik: Einsatz der Stimme wie Betonungen, Geschrei, Verständlichkeit etc.
3. Die Lyrik oder auch Semantik: Lässt sich am ehesten als Wortwahl umschreiben.
4. Der Inhalt: Einstellungen, Geschichten und Gedanken, welche die Lyrik transportiert.
5. Reimschema bzw. Reimtechnik: Ob einsilbig, Doppel-, Tripple oder Quadrupelreim. Weitere Varianten wären Schüttelreim, Teekesselchen oder einfach gar kein Reim.
6. Flow und Raptechnik: Doubletime, Halftime, dichte Texte oder langgezogene Silben etc. Weiterhin beinhaltet diese Kategorie wie der Rapper im Takt liegt bzw. ihn interpretiert.
Wollen wir nun versuchen dieses Sechspunkteschema in einem Diskurs über einen bekannten Rapper wie Bushido fruchtbar zu machen. Da eine solche Analyse zu komplex ist um sie auf einer Viertelseite abzuhandeln, werde ich es mit einem kurzen Abriss der wichtigsten Punkte versuchen. Die Analye hat keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit.
Bushido zeichnet sich durch eine markante, tiefe und voluminöse Stimmlage aus. Paralinguistisch gesehen nutzt er sie meistens in einem arrogant- bis aggressiven Tonfall, welcher oft allerdings als vorwurfsvoll interpretiert werden kann. Varianten sind eher selten. Wie viele Rapper spricht er jedes CH wie ein SCH aus, was auf einen Migrantenhintergrund verweist. Seine Lyrik bedient sich einer sehr eigenen Sprache, die sich stark auf sein soziales Milieu zurückführen lässt. Wörter wie Opfer, Keck und Kanake hat er in den HipHop Diskurs erst eingeführt, andere Wörter wie Engel oder Leben unterliegen einem inflationären Gebrauch.
Inhaltlich gesehen grenzt er sich stark vom sogenannten Mittelstands- oder Rucksackrap und Battlerap ab. Themen sind meistens die Identifikation mit dem was man wohl Straßenmentalität nennt, die Gewaltausübung seinerseits gegenüber Dritten, Sex, Rapmusik oder Kleinkriminalität. Auch der Krieg, Beziehungsstress oder Ängste finden ab und an ihren Platz in den Songs. Nicht selten sind die Inhalte frauenverachtend oder verrohend und im Visier der BPjM. In Sachen Reimschema lässt er sich sicherlich nicht als Techniker bezeichnen, und verwendet meist simple Einsilben- oder Doppelreime, welche aber auf Grund ihrer außergewöhnlichen Wortwahl aus dem Rahmen fallen. Auch in Sachen Flow wird eher selten experimentiert. Meist werden die Reime auf den vierten Schlag gesetzt und der Rest des Textes simple im Takt gehalten. Ab und zu werden Titel doubletime gerappt.
Dieser Analyseansatz zeigt, dass Bushidos Stil, und somit der Grund seines Erfolgs, am ehesten auf die Zeichensysteme Stimme, Lyrik und Inhalt zurück zuführen sind, als auf Flow- und Reimtechnik. Viele Menschen begehen den Fehler ihren Fokus zu eng auf einerseits die Technik (Reim und Flow) oder den Inhalt zu beschränken. Nur im Gesamtbild eines Rappers lässt sich sein ästhetisches Wesen und der Grund für Erfolg und Misserfolg erkennen. Mal von Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations, sowie Geschichte, Umfeld und Aussehen des Künstlers abgesehen, welche den Tatbestand des Raps nicht direkt verändern. Leider lässt sich dieses Thema an dieser Stelle nicht annähernd ausreichend behandeln.
Für Anregungen, Kritik oder Analysewünsche bitte eine e-mail an juseju@web.de
Danke für die Aufmerksamkeit
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